Autowäsche für Anfänger

Mannheim, gefühlte 38 Grad Außentemperatur und 70% Luftfeuchtigkeit. Nach erfolgreicher Shopping-Tour stehen mein bester Freund und ich vor der Alternative uns eine Runde zu langweilen, oder die staubige Karre noch mal eben durch die Waschanlage zu jockeln.

Wir entscheiden uns demokratisch aber leichtsinnigerweise für Letzteres. Tolle Idee! Euphorisch steuern wir auf das Highlight des Nachmittags zu.

An dieser Stelle sollte ich nicht vergessen zu erwähnen, dass es sich bei seinem Auto um ein pechschwarzes Golf Cabrio handelt, das mit Vergnügen die von der Sonne abgegebene Energie absorbiert, sie mit 314 multipliziert und schließlich ungehemmt an seine Insassen weiterleitet, deren Körpertemperatur daraufhin schon so manches Mal die 40er Marke überschritten haben soll. Da wir an diesem Tag anscheinend nicht die einzigen Sadisten sind, die auf diese wundervolle Idee kommen, reihen wir uns in die Schlange ein und schließen das Verdeck. Mein Vorschlag, es einfach aufzulassen und somit eine kostenlose Haar- und Klamottenwäsche in Anspruch zu nehmen, wird abgelehnt. Innentemperatur: Nun geschätzte 60 Grad, Luftfeuchtigkeit: 85%. Wir fahren durch diese automatische Vorreinigungsanlage und an den dicken, stinkigen Tropfen auf meiner Hose merke ich, dass das Dach wohl doch nicht wirklich abdichtet. Nicht, dass ich jetzt wasserscheu wäre, aber die Soße sieht mir nicht gerade so aus, als käme sie frisch aus der Leitung. Um etwas Luft zu bekommen, kurbelt mein bester Freund nochmal schnell das Fenster runter, bemerkt dabei aber leider nicht den eifrigen Waschanlagen-Mitarbeiter, der fröhlich lachend mit dem Dampfstrahler direkt auf das offene Fenster hält. – PLATSCH SPRITZ – alles nass. Dampf steigt auf. Fensterscheibe wieder hoch – die Luftfeuchtigkeit erreicht geschätzte 80%, ich schlage vor, die Karre in der Hauptsaison an finnische Touristen als Sauna zu vermieten, mein Vorschlag findet wenig gefallen. Mittlerweile stelle ich fest, dass sich die Wassertropfen auch durch den Fensterrahmen ihren Weg bahnen, meine rechte Seite ist völlig durchnässt, die Fenster sind alle total beschlagen, die Sichtweite beträgt 2 cm, wir schwitzen wie verrückt, ich komme aus dem Lachen nicht mehr raus, schlage mir den Kopf an der Türstrebe und hätte damit sicher noch den Seiten-Airbag ausgelöst, wenn denn einer vorhanden wäre.

Mindestens 10 freundliche Waschanlagen-Mitarbeiter, die allesamt augenscheinlich noch nie eine Zahnarztpraxis von innen gesehen haben, tanzen um uns rum, schrubben mit ihren schaumigen Handfegern die Felgen und Spiegel und navigieren uns letztendlich hektisch in die Straße des Todes.

Bürsten von rechts, Bürsten von links, Fenster zu, Dach zu, die Luftfeuchtigkeit erreicht nun etwa 95%, der Sauerstoffgehalt sinkt dagegen proportional auf ca. 2%. Ich frage mich, ob ich zuerst absaufe oder einen Hitzschlag erleide. Nach gefühlten 56 Stunden zeichnet sich ein Lichtstrahl am Ende des Horizonts ab, es könnte sich um die Ausfahrt handeln. Ich verteibe uns die Zeit, indem ich eine Geschichte von meinem ehemaligen Arbeitskollegen erzähle, der jedesmal nach dem Besuch einer Waschanlage einen Platten hatte. Ich soll still sein. Das Ende der Geisterbahn erreicht, wir sehen vor uns schemenhaft ein Schild mit der Aufschrift “Bitte erst bei Grün fahren”. Durch die beschlagenen Fenster sieht man weder was Grünes, noch einen Weg. Aus meiner langjährigen Waschanlagen-Erfahrung weiß ich aber, dass die Straße direkt eine sehr scharfe Rechtskurve nimmt. Im Blindflug geben wir Gas und erreichen zwar sicher, aber völlig durchnässt und japsend den rettenden Parkplatz. Einfach mal was Normales erleben, das wär so schön.

Und die Moral von der G’schicht?

Im Sommer wäscht man Autos nicht!

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