Homer – wer ist eigentlich Homer?

HOMER - Der Mythos von Troia in Dichtung und Kunst
HOMER – Der Mythos von Troia in Dichtung und Kunst

Heute war es dann soweit. Nachdem ich aufgrund der überaus zufriedenstellenden Auftragslage in den letzten Wochen und Monaten keine Zeit gefunden hatte mir die neue Ausstellung im Mannheimer Reiss-Museum anzusehen, nahm ich mir heute mal einen Tag frei um Homer zu besuchen. Homer – wer ist eigentlich Homer? Nein, ich spreche hier nicht von dem knallgelben Familienoberhaupt aus Springfield, dessen Sprösslinge mit Vorliebe Kleintiere in Brand stecken, Nachbars Briefkasten in die Luft sprengen, die Sitzecke mit Sahnetorte verzieren und ihre Lehrer regelmäßig an den Rand des Wahnsinns treiben. Ich spreche von Homér, dem größten Dichter und Schreiberling aller Zeiten, der um 800 v. Chr. in Griechenland sein “Unwesen” trieb. Warum ist dieser Typ eine eigene Ausstellung wert? Warum werden ihm zu Ehren Artefakte aus der gesamten Bundesrepublik zusammengetragen?

Ganz einfach, weil er es verdient hat. Homer hat den ersten Schritt von der mündlichen Überlieferung hin zur vollendeten Verschriftlichung gemacht und diente mit seinen Werken Illias und Odyssee Generationen von Kindern, Schülern und Wissbegierigen als Lehrmeister. So wie hierzulande die Bibel lange Zeit als Standardwerk galt, mit dessen Hilfe man nicht nur lesen und schreiben sondern auch denken lernen konnte, so dienten Homers Epen den Griechen und Römern noch viele Jahre nach seinem Tod als Lehrmittel. Die Geschichten wurden gedeutet und interpretiert, ebenso wie die Grammatik studiert. Erstmals wurde Sprache nicht nur als Informationsmedium (z.B. zum Zweck der Buchführung, Volkszählung oder ähnliches) verwendet, sondern als ausgefeiltes Kommunikationsmittel, mit dem man komplexe Sachverhalte, Charaktereigenschaften und Gemütszustände anschaulich schildern kann. Und wer genauso wie ich vom Formenreichtum, der Komplexität und Perfektion des Griechischen begeistert ist, das man im Deutschen häufig nur andeutungsweise und umschreibend übersetzen kann, der weiß, welche Leistung Homer hier vollbracht hat. Zumal die Werke in Hexametern abgefasst waren!

Dies wurde nur durch die Erfindung der Buchstabenschrift möglich, mit deren Hilfe sich auf einmal sämtliche Wörter einer Sprache abbilden und kombinieren ließen. Zwar gab es auch schon vor Homer hoch entwickelte Schriftsysteme, wie z.B. die Ägyptischen Hieroglyphen oder die Hethitische Keilschrift, das Beherrschen dieser Schriften war allerdings nur einer elitären Klientel vorbehalten, da sie sehr kompliziert waren und man viele tausend Zeichen auswendig lernen musste (genau wie heute noch beim Chinesischen). In den Anfängen bestanden diese Schriften aus Piktogrammen, die quasi genau das abbildeten, was sie auch bedeuteten. Also für Sonne stand dann ein Kreis mit vier Strahlen drum herum, der wurde “reh” genannt. Später entwickelten sich daraus Silbenschriften, was bedeutet, dass ein Wort in dem die Silbe “reh” vorkommt das Sonnensymbol trägt, aber mit Sonne gar nichts mehr unbedingt zu tun hat. Übertragen auf unsere Sprache wäre das zum Beispiel Rehjagd, Rehbock, Rehgeweih (meine Rechtschreibkontrolle schlägt an dieser Stelle “Arschgeweih” vor. Nein, das wäre falsch.)

:-)

Dieser nächste Schritt ließ die einstmals 2000 zu lernenden Symbole der sumerischen Bilderschrift auf 500 zusammenschrumpfen. Durch die Erfindung des Alphabets (aus dem phönizischen aleph=Rind; beth=Haus-> den Buchstaben alpha und beta) , das die Griechen von den Phöniziern übernahmen, musste man nur noch 24 Buchstaben lernen, mit denen sich dann alle Wörter einer Sprache kombinieren ließen. Somit war es auf einmal jedem, der in der Lage war 24 Buchstaben zu lernen (ein besserer Affe sozusagen) möglich, auch schreiben und lesen zu lernen. Die Buchstabenschrift – eine der genialsten Erfindung seit Menschengedenken, die bis heute genauso verwendet wird, sei es mit Lateinischen oder Kyrillischen Buchstaben. Die Griechen standen nun also viele Jahre mit den Phöniziern in Kontakt, weil sie mit ihnen Handel betrieben, und so begab es sich, dass sie irgendwann (etwa 900 v.Chr, also 100 Jahre vor Homer) auch das phönizische Alphabet übernahmen. Schon vorher hatten die Griechen eine Schrift von den Minoern auf Kreta geklaut, die sogenannte Linear B, ein Nachfolger der Linear A, die bis heute nicht entziffert wurde. Aber Linear B war nicht so geeignet griechische Laute auszudrücken, weswegen sie um 1400v. Chr. wieder aufgegeben wurde (die sogenannten “Dark Ages”). Da waren also die Phönizier und karrten ständig ihren Pfeffer, Ochsen, Gold und sonstige Güter heran und brachten auch ihre Buchstaben zu den Griechen. Dummerweise bestand das phönizische Alphabet nur aus Konsonanten, was dann in etwa so aussah: Dndmpfschfffhrtskptn (Donaudampfschifffahrtskapitän), was für die griechische Sprache nicht so gut passte (wer griechisch kann weiß, dass die häufigsten Laute “oi” und “ai” sind) und oftmals zu Verwechslungen führte, weswegen sie einfach die Vokale a, e, i, o und u erfanden und in das Alphabet reinfuckelten, dann ging es. So konnten sie nun sämtliche Wörter in ihrer Sprache ausdrücken, der Verschriftlichung standen Tür und Tor geöffnet und Homer war der Erste, der sich diesen Umstand zu Nutze machte. Was gibt es noch Tolles zu sehen auf der Ausstellung? Ich merke, der Gaul geht schon wieder mit mir durch, wie immer, wenn es um Sprachen geht. Wer original Tonscheiben in Linear B sehen will, ist dort gut aufgehoben. Anschließend geht es um Homers Hauptwerke, zunächst um die Illias (den trojanischen Krieg) und anschließend um die Odyssee. Die Geschichte der Illias wurde auf zahlreichen Kunstgegenständen (Vasen, Bechern, Gemälden) verewigt, anhand derer der gesamte Trojanische Krieg nacherzählt wird. Und was ist jetzt das Besondere da? Die Homer-Forschung steht ja nicht still, im Gegenteil. Interessant wird es für Freunde der Alten Geschichte und Gräzisten an der Stelle, an der bisher unveröffentlichte Neuigkeiten zu Tage treten. So gibt es beispielsweise ein Abteil, das über die aktuelle Ausgrabungsstätte in Troja von 2008 berichtet. Beachtlich, was Archäologen dort leisten. Vor allem vor dem Hintergrund, dass die Stätte des historischen Troja stets besiedelt wurde und man sich deswegen mittlerweile durch IV Trojas wühlen muss und alle Grabungsschichten stets gut auseinanderzuhalten sind. An dieser Stelle hätte ich mir noch ein paar mehr Details von der Ausgrabungsstätte gewünscht, obwohl ich nach wie vor von der Veranstaltung begeistert bin und völlig ohne Erwartungshaltung dorthin ging. Auch diejenigen, die Troja nur wegen Brad Pitt kennen und glauben, dass der Krieg nur 51 Tage dauerte (passt halt besser ins Skript) werden eines Besseren belehrt. Denn in Wirklichkeit dauerte der Krieg zehn Jahre und man erfährt auch, weswegen Achilles überhaupt sterben musste. Er war nämlich nicht immer ein lieber Junge. Aber das verrate ich jetzt nicht auch noch. Nach der Illias geht es dann weiter mit der Odysse und Odysseus dem Listigen, der auf dem Heimweg von Troja zurück nach Ithaka einige Abenteuer bestehen muss. Auch hier fasziniert mich immer wieder die stellenweise ausufernde Phantasie Homers, der Odysseus gegen zahlreiche grausliche Kreaturen kämpfen lässt, die denen von heutigen Fantasy-Filmen im Grunde in nichts nachstehen.

Woher wissen wir eigentlich heute alles über die Illias und die Odysse?

Das zumindest hab ich mich schon oft gefragt. Heute habe ich es erfahren. Homer schrieb die seine Epen auf Papyrus und/oder Leder, was bei den klimatischen Verhältnissen im damaligen Griechenland keine allzu lange Lebensdauer hatte. Allerdings hatte er Glück – die Werke schlugen ein wie eine Bombe und wurden tausendfach kopiert. Es handelte sich also in der Tat, wie bereits oben beschrieben, um echte Bestseller. Die Verbreitung und Konservierung seiner Geschichten hat er letzten Endes keinem anderen zu verdanken als dem zweiten Geschichtshelden, Alexander dem Großen, der 300 Jahre später auf der Bildfläche erschien und Homers Werke in den eroberten Gebieten verbreitete. Vor allem in Ägypten waren die klimatischen Verhältnisse für eine langfristige Lagerung von Papyrus außerordentlich gut. Damals wurden dort in Alexandria die ersten Museen gegründet (v. gr. μουσειον = Ort der Musen), ursprünglich eher eine Art Bibliothek, wo die Schriftstücke lange Zeit gut überdauern konnten. Nach Europa kamen Homers Epen erst, als die griechischen Gelehrten Mitte des 15. Jhdt. von den Türken aus Konstantinopel vertrieben wurden. Auch bei uns  wurden sie sogleich gerne gelesen und im 16. Jhdt erstmals ins Deutsche übersetzt. In der Ausstellung gibt es die ersten europäischen Ausgaben zu sehen, anfangs noch von Hand abgeschrieben und teilweise übersetzt, bis der Buchdruck eine größere Verbreitung erlaubte.

Insgesamt geht es in der Austellung also natürlich hauptsächlich um die Person Homer und seine Werke, in zweiter Linie aber auch um die Zeit vor und nach Homer, die Entwicklung der Schriftsprache und vieles mehr. Ich habe mich vier Stunden dort aufgehalten und war begeistert. Jedem Geschichtsfreund oder Gräzistik-Studenten, der hier in der Nähe wohnt, kann ich einen Besuch nur empfehlen. Die Ausstellung ist noch bis 19. Januar 2009 zu sehen.

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Eine Antwort auf Homer – wer ist eigentlich Homer?

  1. Lorna Centrone sagt:

    I will post a hyperlink to that web page on my weblog. Many thanks!

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