Ich hab ein KNALL…ROTES Gummibooot

Sehr geehrte Damen und Herren,

mein Name ist Hansen Johansen, Kapitän der “Longchamp“, jenes Bruttoregistertonnentankers, der gestern auf tragische Art und Weise von ruchlosen somalischen Piraten gekapert wurde. Ich schreibe Ihnen hier mit meinem Satellitentelefon aus somalischer Kriegsgefangenschaft, eingewickelt in ein Leopardenfell, weil ich weiß, dass die ganze Welt angesichts dieses Vorfalls verständnislos den Kopf schüttelt. Doch ich will Ihnen im Folgenden schildern, wie sich besagtes Ereignis zutrug und hoffe anschließend auf Ihr Mitgefühl.

Mit zwölf Knoten steuerte ich des Mittwochs in der Früh meinen stolzen Bruttoregistertonnentanker (beladen mit 513 684 Kubikmeter Erdgas) im Golf von Aden in die aufgehende Sonne. Wir wählen stets diese Route, ausschließlich dieses wunderbaren Sonnenaufgangs wegen. Mein Steuermann und ich nehmen uns dann in die Arme und schwelgen in Erinnerungen an andere gemeinsame romantische Momente. Doch ich schweife schon wieder ab. Eskortiert wurden wir von einer Armada an Kriegsschiffen, vor uns zwei Schnellboote der Marine, bewaffnet mit 7 MGs, über uns kreisten vier Kampfhubschrauber der Marke “Tamagotchi” und 4 Seemeilen entfernt deckte uns von Steuerbord die “Kassiopeia”, ein Flugzeugträger der neuesten Generation, von dem aus im Ernstfall jederzeit 34 kampfbereite MIC 29 starten können. Wir fühlten uns also auf unserem Weg in den Sonnenaufgang relativ sicher. Doch dann passierte, womit keiner gerechnet hatte: Von Backbord näherten sich mit einer geschätzen Geschwindigkeit von 64 Knoten 2 knallrote feindliche Gummiboote, durch mein funkferngesteuertes Hyperspektraltransformationsfernsichtgerät konnte ich erkennen, dass die schwarze Piratenflagge gehisst war. Ich folgerte also daraus eine feindliche Absicht der sich mit unverminderter Geschwindigkeit nähernden Gummiboote, wenngleich es sich durchaus auch um Schiffbrüchige gehandelt haben könnte, die sich regelmäßig in diesen Gewässern verfahren, weil sie lieber den fliegenden Fischen folgen anstatt dem Polarstern.

Doch Letzteres schied als plausible Möglichkeit für die zielstrebige Annäherung an meinen Bruttoregistertonnentanker kategorisch aus, denn durch mein funkferngesteuertes Hyperspektraltransformationsfernsichtgerät sah ich sehr deutlich, dass die Besatzung, die aus jeweils 2 Mann in Unterhemden und Unterhosen bestand, schwer bewaffnet war. Ich erkannte eindeutig durch das Okular:

  • 2 rostige Taschenmesser
  • einen handgeschnitzten Holzknüppel
  • eine bis an den Rand geladene Wasserspritzpistole

Umgehend meldete ich meine Entdeckung der keine 2 Seemeilen von mir entfernt kreuzenden Marine, doch der zuständige Major sagte: “Mit diesen Kerlen ist nicht zu spaßen. Bitte unternehmen Sie nichts, was die Angreifer unnötig provozieren könnte.” Ich wollte meinen Bruttoregistertonnentanker mit einer Gesamtfläche von 380 Metern, einer Höhe von 489,6 Metern und einer Breite von 78,8 Metern den Piraten nicht einfach so kampflos überlassen, weswegen ich zusätzlich die Luftwaffe anfunkte. Doch der zuständige Major sagte: “Mit diesen Kerlen ist nicht zu spaßen. Bitte unternehmen Sie nichts, was die Angreifer unnötig provozieren könnte.”

Zu meinem Entsetzen hatten die uns eskortierenden hochgerüsteten Schnellboote bereits das Weite gesucht und das Funkgerät ins Wasser geworfen, sodass mein Funkspruch auch hier ins Leere ging. Ich tat also das, was ich auf der Marineschule gelernt hatte: Ich versammelte meine Mannschaft auf der Brücke. Wir nahmen uns bei den Händen, sangen “Hey, ho, Seemann ahoi” und strullten uns in die Hosen. Ganz richtig, denn so sollte man es machen, wenn feindlich gesinnte Piraten sich anschicken, ein Schiff zu kapern. Nur dadurch ist es möglich, möglichst viel Mitleid zu erwecken und eventuell mit dem Leben davonzukommen.

Zu diesem Zeitpunkt hatten die Piraten bereits meinen Tanker erreicht und sich mit einem geschickten Trick zu beiden Seiten mit ihren Gummibooten jeweils am Bug festgeklebt. Als nächstes warfen sie zwei handgeklöppelte Strickleitern aus Schurwolle die 489,6 Meter von Hand in die Höhe, wobei eine davon nicht richtig auf der Reling einzurasten schien. Ich gab meinem Lieblingsmatrosen Klaus den Befehl, die Strickleiter sofort ordnungsgemäß zu arretieren, weil ich wusste, dass Piraten es nicht mögen, wenn sie einen Mann verlieren, der beim Versuch ein Schiff zu kapern von der Strickleiter ins offene Meer stürzt. Das hatte ich auf der Marineschule gelernt. Klaus tat also umgehend wie ihm befohlen und kurz darauf durften wir die Piraten an Bord begrüßen. Angesichts unserer eingestrullten Hosen ließen sie noch einmal Gnade vor Recht ergehen und uns am Leben. Kurzerhand hängten sie also meinen Bruttoregistertonnentanker mit zwei Hanfseilen an die Schlauchboote und schleppten uns in den Hafen von Somalia, wo wir sogleich euphorisch begrüßt wurden. Anschließend wurden wir in Leopardenfelle eingewickelt um unsere Bewegungsfreiheit irgendwie zu einzuschränken. Nun warten wir auf das Lösegeld, das der Steuerzahler sicher gerne aufbringen wird und hoffen, dass alles gut ausgeht.

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