Mord im Schlafzimmer

21:45h: Ich sitze vor meinem Computer und stelle fest: Mit ganz viel Pech könnte das eine lange Nacht werden. Eine sehr lange.

Ein Exemplar der Gattung Tipula oleracea hat sich den Weg in mein Zimmer gebahnt. Wie es das geschafft hat, ohne dabei einen versicherungstechnisch relevanten Schaden an meinem Tesa-Fliegengitter zu hinterlassen und die installierte Selbstschussanlage unbeschadet zu überwinden, ist mir noch immer ein Rätsel.

22:30h: Ich verfolge die Verdrängungsstrategie und surfe im Internet rum. Insgeheim weiß ich aber, dass die Konfrontation mit dem Eindringling nur aufgeschoben ist.

23:30h: Langsam werde ich müde. Einfach das Licht ausmachen und schlafen. Das wäre schön.

00:00h: Ich sehe mir auf Südwest3 die Sendung über Seitensprünge an. Das Deckenlicht ist dabei ausgeschaltet, mit einer dämmrigen Lesefunzel versuche ich das Monster anzulocken. Der Trick gelingt, schemenhaft schwebt es mehrere Male an mir vorbei und setzt auch zum Landeanflug auf meinen Körper an. Mit wilden Gesten versuche ich, es aus der Luft zu fangen. Es ist zu klein – und ich bin zu langsam.

00:45h: Ich mache den ersten Rundgang durchs Zimmer um den Feind aufzuspüren, doch leider ist er nicht so blöd, sich mir an der weißen Wand oder Zimmerdecke im offenen Kampf zu stellen.

01:00h: Versteckspielen ist mir um diese Zeit einfach zu blöd. Ich lösche das Licht und hoffe, dass ich vor dem nächsten Angriff einfach schnell einschlafe. Zu früh gefreut. Kaum hab ich meine Augen zu, startet Tipula oleracea seine nächste Attacke. Dieses unverkennbare Summen, das mich selbst mit 3kg Koks und 4 Litern Jack Daniels im Blut aus dem Koma reißen würde, hört nicht auf meine Gehörgänge zu malträtieren.

01:15h: Ich frage mich, warum das Vieh mich nicht einfach sticht und dabei seine Schnauze hält. Damit wäre allen beiden geholfen. Ich verfasse einen Beschwerdebrief an Charles Darwin. Hier hat die Evolution mal wieder gründlich daneben gelangt. In Schnakenkreisen muss sich mittlerweile rumgesprochen haben, dass ich das nahrhafteste Blut in ganz Deutschland zu bieten habe.

01:45h: Waidmannsheil, die Jagd geht in die zweite Runde. Wo steckt das Mistvieh? Um es aus seinem Versteck zu treiben, schnapp ich mir das Kopfkissen und wirbel es in einem konzentrischen Kreis um meinen Kopf. Dummerweise hält sich Tipula oleracea wacker in seinem Versteck, im Gegensatz zu den angehäuften Wollmäusen auf meinem Bücherregal, die infolge meines Propeller-Tricks das Ihrige in Scharen verlassen.

02:15h: Ich gebe mich vorübergehend geschlagen. Licht aus. Bzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzz

02:45h: Licht an. Letzter Versuch. Ich entdecke Tipula oleracea am Fensterrahmen. Mein Herz pocht. Jetzt oder nie! Die Muskeln bis zum bersten gespannt, hole ich zum finalen Todesstoß aus. Getroffen, Tipula oleracea taumelt, bäumt sich ein letztes Mal auf, ich setze nach, zweiter Treffer. Tipula oleracea haucht sein Leben aus – in meinem Schlafzimmer. Ich hüpfe ums Bett und zelebriere meinen Sieg.

03:15h: Ich bin geschafft und lausche gespannt in die Dunkelheit. Doch nichts rührt sich mehr. Ich schlafe ein.

08:00h: Ich wache auf und frage mich: Wer hat die Viecher eigentlich erfunden und vor allem – wozu?

Wenn das die Schweizer waren, rühr ich nie wieder ein Ricola an.
Seit ein paar Stunden ist so ein duftiger Mückenstecker mein bester Freund. Ich freue mich auf eine ruhige Nacht.

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5 Antworten auf Mord im Schlafzimmer

  1. Ute sagt:

    Witzige Beschreibung, einer Situation die sicher viele so oder so ähnlich kennen. Fasziniert hat mich, dass du schreibst “in Schnakenkreisen”, bei uns am Bodensee sagen wir Schnaken, jedoch bereits in Württemberg sind es eher Mücken. Ist Schnake in der Pfalz gebräuchlich?

  2. admin sagt:

    Hallo Ute,

    so ist es, “Schnake” ist der in der Pfalz gebräuchliche terminus technicus (mundartlich allerdings eher “Schnok” bzw. “Schnoooke” für den Plural) für jene Tierart, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, uns mit pentrantem Gesumme unsere nächtliche Ruhe zu rauben und uns damit um den wohlverdienten Schlaf bringt. “Mücke” (ugs. “Mikke”) würde man hier auch verstehen, allerdings assozieren wir diesen Begriff eher mit der harmlosen Stubenfliege, die zwar auch summt, es dabei aber nicht auf unseren kostbaren Lebenssaft abgesehen hat.

    Viele Grüße
    Frank

  3. Ute sagt:

    Hi Frank,

    klar, bei uns sind es auch eher Schnooke, Mücken sind allerdings nicht die Stubenfliegen, sondern all die kleinen Flugtiere, die nicht stechen. Im Schwäbischen dagegen sind Mücken, wie bei euch Stubenfliegen.

    Ich find’s immer wieder spannend, welche Begriffe sich regional durchsetzen und mal ähneln und dann auch grad wieder nicht…

    Gruß vom Bodensee

    Ute

  4. admin sagt:

    Ich denke, ich werde die Mücken als Schlagwort hinzufügen ;-)

    Viele Grüße aus der Pfalz!

    Frank

  5. Ute sagt:

    Wünsch dir schnookefreie Nächte, Gruß vom fast schnakenfreien Balkon aus Konstanz, Ute

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