Väter und Autos

Ob die von mir gemachte Beobachtung jetzt auf alle Väter dieser Welt zutrifft, weiß ich nicht. Aber die Klagen häufen sich: Väter haben einfach eine ganz besondere Beziehung zu Autos. Man könnte fast sagen, sie hätten ein Verhältnis mit ihnen. Das Problem dabei: Sie frönen auch hier lieber der Polygamie, sie beschränken also ihre Obsession nicht etwa auf ihr eigenes Auto, sondern weiten sie auf sämtliche Autos der Familie aus.

Die Mutter schleppt sich mit letzter Kraft wimmernd die Treppe hoch und der Arzt gibt ihr vielleicht noch 3 Monate, bis sich ihr gesamtes Knochengerüst sich in Trillionen von Nanoteilchen auflöst. Vadder isses egal. Hauptsache mit der Karre ist alles in Ordnung. Ich habe den Eindruck, dass ein TÜV-Besuch einen durchschnittlichen Vater schneller altern lässt, als die Verkündigung der Apokalypse. Am Tag vor dem großen Tag, jener vor dem TÜV, wird nicht mehr geschlafen. Nein. Der potenzielle Todeskandidat auf vier Rädern wird noch einmal auf Haarrisse untersucht, gestreichelt und beschworen. Ein letzter Blick in die trauernden Xenon-Scheinwerfer. Wer weiß schon, ob man sich je wieder sieht? Der Blutdruck eines Vaters, der drauf und dran ist sein bestes Stück (das mit dem Ölfilter) aus welchen Gründen auch immer in die Werkstatt bringen zu müssen, ist mit handelsüblichen medizinischen Geräten einfach nicht mehr messbar.

Doch so ein Vater leidet nicht etwa still und leise vor sich hin. Glücklicherweise lässt er die gesamte Familie an seiner Sorge teilhaben. Am Tag des Autos darf nicht gelacht werden. Es darf auch über nichts gesprochen werden, was nichts mit dem Todeskandidaten zu tun hat, dafür ist die Lage einfach zu ernst: Thema verfehlt! Während sich nun also das wichtigste Familienmitglied in der Werkstatt befindet, herrscht im Haushalt Ausnahmezustand. Dem Telefon kommt nun ein ganz besonderer Status zu. Es steigt in der Familienhierarchie von 0 auf 100 und darf auf keinen Fall angeschaut, angefasst oder gar benutzt werden. Es könnte ja sein, dass während der Operation am offenen Motorblock Komplikationen auftreten und der stolze Besitzer telefonisch erreicht werden muss. Nicht auszudenken, wenn dann das Besetzt-Zeichen ertönt. In solchen Fällen wird die Reparatur nämlich sofort eingestellt und das Auto – egal welchen Baujahrs – stante pede auf den nächsten Schrottplatz verfrachtet. Die Mechaniker haben ihre Zeit schließlich auch nicht gestohlen. Ein Werkstatt-Aufenthalt kostet jeden Vater eine Menge graue Haare. Manchmal habe ich den Eindruck, als würde sich so ein Vater lieber selbst auf die Hebebühne legen und mit einem Doppelmaulschlüssel traktieren lassen, nur damit das wichtigste Familienmitglied noch einmal mit dem Leben davonkommt.

Ein gewisser Masochismus lässt sich Vätern allerdings nicht absprechen. Denn nicht genug, dass bei den regelmäßigen TÜV-Besuchen die Lebenserwartung eines durchschnittlichen Vaters um 10 Jahre sinkt, nein, er sucht auch außerhalb der “Saison” zwanghaft nach irgendwelchen Mängeln. War da nicht ein komisches Geräusch beim Einlegen des Rückwärtsgangs? Stammt der mysteriöse Fleck auf der Straße vor dem Haus vielleicht vom eigenen rollenden Augapfel? Sitzen auch alle Kabel noch feste oder hat vielleicht über Nacht der Gummimarder zugeschlagen?  Nicht auszudenken.

Erstaunlicherweise scheint sich die Sorge um den vierrädrigen Kandidaten im Rentenalter noch zu potenzieren. Mag sein, dass für manche die Sorge um die Autos dieser Welt eine nette Freizeitbeschäftigung ist, ich hab da irgendwie besseres zu tun.

Irgendwie schon abartig … ein bisschen zumindest.

Share
This entry was posted in Abartiges. Bookmark the permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>