Woher kommen eigentlich die ganzen Sprachen?

Wer hat eigentlich all die Sprachen erfunden?“, fragte mich neulich ernsthaft jemand, dem ich erzählte, dass ich Sprachen studiert habe. Nette Vorstellung: Da sitzt einfach einer am Tisch und denkt sich Sprachen aus. Wörter, Grammatik, Rechtschreibung und verteilt sie dann an die verschiedenen Völker :-) Immerhin haben wir es heute mit 6000 – 6500 verschiedenen Sprachen zu tun. Viel Arbeit für einen einzigen Mann.

Die Illusion musste ich ihm rauben: Keiner hat einfach alle Sprachen erfunden. Sie haben sich nach und nach über fast unvorstellbare Zeiträume entwickelt und entwickeln sich noch immer weiter. Allein das Deutsche von heute wird in 500 Jahren kaum mehr wiederzuerkennen sein. Sprachwissenschaftler, Indogermanisten und auch Genetiker befassen sich damit, die eine Ursprache herauszufinden, auf die unsere heutigen Sprachen zurückgehen. Dabei streiten die Forscher noch immer, ob es überhaupt DIE eine Ursprache gab, oder verschiedene Ursprachen. Ein nicht gerade einfaches Unterfangen, da wir hier von Zeiträumen von 100.000 – 150.000 Jahren bis zum ersten Wort ausgehen müssen. Und dass es aus diesen Zeiten noch keine überlieferten Schriftstücke gibt, macht die Sache nicht gerade leichter. Die Entwicklung der Schrift setzt erst etwa 4000 Jahre v.Chr. ein. Man muss sich also hier auf die Analyse der Sprechwerkzeuge und Knochen verlassen. Dabei kommen wir auch gleich schon ins Grübeln. Ab wann können wir überhaupt von einer Sprache sprechen? Ist das Grunzen eines Neandertalers am Lagerfeuer tatsächlich schon als eigene Sprache zu bezeichnen? Schauen wir uns die Definition von “Sprache” an:

Als Form der Verständigung zwischen Menschen: Sprache in diesem Sinne bezeichnet die aus Wörtern bestehende, also verbale Kommunikation und damit die erfolgreichste Kommunikationsform des, neben nonverbalen Kommunikationsformen wie der Körpersprache. Sie wird akustisch durch Schallwellen (Lautketten) oder visuell-räumlich durch Gebärden (vgl. Gebärdensprache) oder haptisch durch taktile Gebärden oder durch Lormen übertragen.

Quelle: Wikipedia

Gemäß dieser Definition könnte man also tatsächlich das Grunzen des Neandertalers, mit dem er sich verständlich machte, schon als Sprache bezeichnen. Die Entwicklung komplexerer Sprachen kann zeitlich etwa 10 – 15.000 Jahre vor unserer Zeitrechnung angesiedelt werden. Und zwar zu dem Zeitpunkt, als die Menschen sesshaft wurden und begannen, Ackerbau und Viehzucht zu betreiben. Nun blieben die Menschen aber nicht alle auf einem Fleck, sondern verteilten sich in grauer Vorzeit (wahrscheinlich von Afrika aus) in alle möglichen Länder. So differnzierten sich verschiedene Sprachfamilien heraus, z.B. die Familie der Afroasiatischen Sprachen mit den Semitischen Sprachen (Berberisch, Arabisch, Ägyptisch), die Indoeuropäischen Sprachen, zu denen außer dem Lateinischen, Griechischen, Französischen auch das Germanische (also Deutsche) gehört, Paläosibirische Sprachen und Nilosaharanische Sprachen (z.B. Nubisch). Die Einteilung der verschiedenen Sprachen wird von den Forschern regelmäßig umgeworfen, da sich neue Erkenntnisse ergeben, die Verwandschaftsbeziehungen mit der ein oder anderen Sprachgruppe wahrscheinlicher machen.

Die indoeuropäische Sprachfamilie, wozu auch das Deutsche gehört, wurde von den Forschern bisher am intensivsten untersucht. Indoeuropäisch oder Indogermanisch, die Bezeichnung rührt daher, dass sich nachweisen lässt, dass einzelne Wörter aus dem Germanischen Zweig eindeutig mit indischen Wörtern verwandt sind, dass es also trotz dieser immensen Entfernung eine gemeinsame Ursprache gegeben haben muss. Man kann das beispielsweise an dem Wort für “Vater” festmachen:

Sanskrit (Indien): pitar

Altgriechisch: pater

Latein: pater

Gotisch (Germanisch): fadar

Die Verwandtschaft der Wörter dürfte auch für Laien eindeutig zu sehen sein. Das “f” im Gotischen geht auf eine Lautverschiebung zurück (ptk-Verschiebung), die sich zu einem späteren Zeitpunkt vollzogen hat und die auch noch an anderen Wörtern zu erkennen ist. Dennoch geht auch dieses Wort auf denselben Stamm zurück. Auf der folgenden Grafik sieht man einmal die Aufspaltung der einzelnen Indogermanischen Sprachen:

Indoeuropäische Sprachfamilie

Indoeuropäische Sprachfamilie

Quelle: Spektrum der Wissenschaft Spezial, Die Evolution der Sprachen, S. 51
Die Entwicklung der Sprachen vollständig zu beschreiben wäre nicht nur ein abendfüllendes Programm. Daher möchte ich an dieser Stelle ein paar weiterführende Informationen geben:
Mittwoch, 17. 06. 2009 auf arte um 10:50h (ich weiß, für Arbeitnehmer nicht gerade der beste Sendeplatz, aber aufzeichnen lohnt sich!): Die Entwicklung der Sprache
Weiter geht es mit Amazon: Weltgeschichte der Sprachen: Von der Frühzeit des Menschen bis zur Gegenwart

und Spektrum der Wissenschaft. Dossier-ND 1/2004: Die Evolution der Sprachen

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3 Antworten auf Woher kommen eigentlich die ganzen Sprachen?

  1. lr sagt:

    Interessant, wie die Sprachen entstanden sind – die Stammbaum gefällt mir besonders gut!

  2. claudia sagt:

    Nett, der olle Sprachenbaum aus dem 19. Jhd ;)

    Aber auf die erfundenen Sprachen zurückkommend: da gibt es durchaus Menschen, die das tun. Kunstsprachen sind noch nicht einmal selten. Das moderne Griechisch und Hebräisch fallen bspw. auch in diese Kategorie, denn dabei wurden aus Mangel an altsprachlichen/ursprünglischen Vokabular neue Sprachelemente künstlich geschaffen, um diese ehemals toten Sprachen wiederzubeleben.

    Reine Kunstsprachen haben vielleicht nicht den Status einer offiziellen Sprache und fallen gern in die Kategorie Fantasie, aber: es gibt Gemeinschaften, die sprechen Esperanto, Klingonisch oder Elbisch. Neueste Form: in James Camerons Film “Avatar” sprechen die Planetenbewohner eine eigens für den Film erfundene Sprache. Und es wird Zuschauer geben, die sich damit im eingeschworenen Kreis befassen werden.

    Also lieber Linguist, wann immer man dir solche Fragen stellt: du musst gar nicht erst mit der Indogermanistik zuschlagen un in alten Baumen Blätter suchen ;)

  3. linus sagt:

    Ich finde dieses Thema äusserst spannend. Ich habe auch einen Vortrag über dieses Thema. Vielleicht habt ihr mehr Infos… ich wäre froh :-) Es ist echt nicht einfach!

    Linus

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