Grammatische Fachbegriffe für Dummies: Die Zeiten (Tempora)

Grammatik für Dummies Wie bereits im Artikel über das Verb versprochen, bekommen die Zeiten nun ihren eigenen Artikel, weil sie einfach so dick sind, dass sie mit den Verben nicht zusammen in einen passen. Auch den Aussageformen (Modi) muss ich eine Spezialbehandlung verordnen, da es hier auch sprachvergleichend einiges zu erzählen gibt. Damit wir uns gleich dran gewöhnen, verwende ich ab jetzt auch unsere neuen Fachbegriffe: Anders als die Bezeichnung für das schneeweiße und schneuzfeste Papiertaschentuch lautet der Fachbegriff für die Zeitform “Tempus” und sein Plural “Tempora”. Weil … wer hat’s erfunden? Nein, diesmal waren es nicht die Schweizer, sondern die Römer. Eigentlich waren es die Griechen, aber das soll uns jetzt nicht weiter interessieren. Wie viele Tempora haben wir nun zur Verfügung, um möglichst viel Unsinn zu verzapfen? In jedem Fall müssen wir mindestens drei haben, um uns über Vergangenes, Gegenwärtiges und die Zukunft unterhalten zu können. Um aber noch ein wenig genauer zu differenzieren, haben wir insgesamt sechs Zeitformen, die ich hier kurz vorstelle:

Das Präsens: Von Frau Bratapfel gemeinhin als “Gegenwart” bezeichnet, bezieht sich in der Regel auf Dinge, die in diesem Moment ablaufen. Beispiel:

Ottos Mops hopst.

Anders als zum Beispiel im Englischen verfügen wir im Deutschen über keine eigene “Verlaufsform”, mit der wir zwischen Ereignissen differenzieren können, die gerade im Moment passieren und Ereignissen, die regelmäßig stattfinden:

Ottos mops is jumping (Er hopst eben grad im Moment)

vs. Otto’s mops takes the bus at 6 a.m. (Ottos Mops nimmt jeden Tag um 6 in der Früh den Bus).

Wollen wir betonen, dass der Mops gerade im Moment hopst, müssen wir das umschreiben, in etwa so: “Ottos Mops ist gerade am Hopsen.” Was allerdings nicht gerade das schönste Deutsch ist.

Das Präteritum: Die einfache Vergangenheit, manchmal auch noch Imperfekt genannt, wird heute zumeist vom Perfekt abgelöst. Hauptsächlich kommt es in Erzählungen und Märchen vor, zum Beispiel:

Anton streichelte ein Schwein.

Es lebte einst ein Mopskönig mit vielen Kindern und einer hübschen Frau….

Das Perfekt: Das Perfekt ist eine zusammengesetzte Zeitform, die je nach Verb entweder mit dem Hilfsverb “sein” oder “haben” und mit Hilfe des Partizip Perfekt (Partizip II) gebildet wird:

Anton hat Gummibärchen gekauft.

Anton ist mal wieder nicht rechtzeitig zur Party gekommen.

Anders als in den Sprachen Englisch, Französisch und Spanisch ist es im Deutschen meist völlig egal, ob wir das Präteritum oder das Perfekt benutzen:

Anton hat sich gestern neue Gummibärchen gekauft. / Anton kaufte sich gestern neue Gummibärchen.

Beides völlig korrekte Sätze. In der Umgangssprache wird allerdings das Perfekt häufig bevorzugt. Im Französischen, Englischen und Spanischen hingegen ist es immer von Bedeutung, ob das Ereignis noch andauert oder bereits abgeschlossen ist:

Yesterday he went grocery shopping with his father. (simple past ist hier obligatorisch, weil die Handlung abgeschlossen ist)

Übersetzung: Gestern ging er mit seinem Vater einkaufen.

I have never been to New York. (present perfect ist hier obligatorisch, weil die Handlung bis die Gegenwart reicht)

Übersetzung: Ich war noch niemals in New York.

Hier, je l’ai vue sortir de l’école. (passé composé, weil es sich um ein punktuelles Ereignis handelt)

Übersetzung: Gestern sah ich, wie sie aus der Schule kam.

Pendant que j’observais la rue en face, je l’ai vue sortir de l’école. (Während das imparfait die Hintergrundhandlung beschreibt, berichtet das passé composé über die neu eintretende Handlung).

Übersetzung: Während ich die gegenüberliegende Straßenseite beobachtete, sah ich, wie sie (auf einmal) aus der Schule kam.

Iba a la escuela cuando ocurrió el accidente. (Die Hintergrundhandlung ist der Gang zur Schule, wenn plötzlich der Unfall eintritt, kommt das Perfekt zur Anwendung)

Übersetzung: Sie war auf dem Weg zur Schule, als plötzlich der Unfall passierte.

Da haben wir es im Deutschen doch richtig gut :-)

Das Plusquamperfekt: Das Plusquamperfekt wird oftmals auch als Vorvergangenheit bezeichnet – und genau das ist es auch. Es wird mit dem Präteritum von “sein” oder “haben” gebildet sowie mit unserem bekannten und vielseitigen Freund: dem Partizip Perfekt (Partizip II). Häufig wird es dazu verwendet Gegebenheiten auszudrücken, die vor einem anderen Ereignis lagen:

Anton gab zu, dass er sich geirrt hatte (Bevor er es zugab, hatte er sich geirrt)

Das Futur I: Zurück in die Zukunft: Anders als unsere französischen und spanischen Freunde müssen wir uns das Futur zusammenbasteln – und zwar so: Hilfsverb “werden” plus Infintiv.

Anton wird sich auch einen Mops kaufen.

Nun passiert es häufig, dass Schüler und Studenten das Futur mit dem Passiv verwechseln, wenn sie danach gefragt werden. Zugegeben, die beiden Racker sehen sich auch verdammt ähnlich. Ich erinnere mich da an eine Situation im Lateinunterricht:

“Gaius wird geschlagen.” Frage: “Um welche Zeit handelt es sich hier?” Auch wenn wir es hier mit dem Wörtchen “werden” zu tun haben, die richtige Antwort lautet “Präsens Passiv” und nicht “Futur.” Um Gaius seine nicht gerade rosige Zukunft vorauszusagen, fehlt uns noch der Infintiv. Der Satz würde im Futur  lauten:

“Gaius wird geschlagen werden.”

Das Futur II: Auch die vollendete Zukunft scheint mir bisweilen schon vom Aussterben bedroht zu sein, umso wichtiger, dass ich sie hier noch einmal in Erinnerung rufe. Wir können damit ein Ereignis ausdrücken, das in der Zukunft zu einem gewissen Zeitpunkt vollendet sein wird:

Bis morgen um halb zwölf wird Anton sich die Sache überlegt haben.

Es wird wieder einmal mit dem Hilfsverb “werden” (das ständig für solche undankbaren Aufgaben herhalten muss) und dem Infinitiv Perfekt gebildet.

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Noch ein kleiner Hinweis für angehende Sprachwissenschaftler: Zusammengesetzte Zeiten wie unser Futur oder Perfekt nennt man analytische Zeitformen (aus dem Griechischen αναλύσειν = auflösen), einfache Zeitformen nennt man synthetische Zeitformen (aus dem Griechischen σύνθεσις = Zusammenstellung). Im Deutschen haben wir also genau zwei synthetische Zeitformen: Das Präsens und das Präteritum. Im Französischen und Spanischen gibt es mehr synthetische Formen.

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Und nun bestimmen wir wieder die Zeiten in folgenden Sätzen:

Anton liebt Mathilde. -> Präsens

Fritz hat im Lotto gewonnen und kauft sich ein neues Auto. -> Perfekt

Otto beobachtete seinen Mops, wie dieser einen Maulwurf ausgrub. -> Präteritum

Anton musste leider Privatinsolvenz anmelden, hatte er doch jahrelang einen exzessiven Lebensstil an den Tag gelegt. -> Plusquamperfekt

Fritz wird sich ein neues Auto kaufen. -> Futur I

Fritz wird ein neues Auto gekauft. -> Ätsch! Passiv! (Ist aber kein Tempus, sondern das Genus Verbi)

Morgen um 12 wird Fritz sich das neue Auto gekauft haben. -> Futur II

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3 Antworten auf Grammatische Fachbegriffe für Dummies: Die Zeiten (Tempora)

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  2. Sabine sagt:

    Super Sache. Ich habe selten so über die Erklärung der Zeitenfolge im Deutschen gelacht. Ich werde deine Erklärungen totsicher in mein Repertoire übernehmen. Ich bin übrigensTutor DaF (Deutsch als Fremdsprache). Es wird mir sicherlich mit Ottos Mops fortan gelingen, die Zeitenfolge der deutschen Sprache meinen Schülern zu vermitteln. Vielen Dank.

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